Digitalisierung scheitert nicht an der Technik — sondern an den Menschen

4 von 5 Digitalisierungsprojekten im Mittelstand scheitern — und das liegt selten an der Technik. Warum die Perspektive der Nutzer über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Neues CRM, neues ERP, neues Kundenportal. Die Technik steht, das Budget ist freigegeben, der Go-Live terminiert. Alles nach Plan.

Und trotzdem nutzt ein halbes Jahr später kaum jemand das neue System so, wie es gedacht war. Stattdessen: Excel-Listen, Workarounds, Rückfall in alte Prozesse.

Kommt dir bekannt vor? Dann bist du nicht allein. Tatsächlich zeigen Studien: Digitalisierung scheitert im Mittelstand erschreckend häufig. Laut Accenture enden rund vier von fünf Projekten erfolglos. Und das liegt in den seltensten Fällen an der Technik.

Warum 4 von 5 Digitalisierungsprojekte im Mittelstand scheitern

Der Reflex bei gescheiterten IT-Projekten ist oft: Die Software war die falsche. Der Anbieter hat nicht geliefert. Die Schnittstellen haben nicht funktioniert.

In manchen Fällen stimmt das. Aber in den meisten Fällen ist die Technik gar nicht das Problem. Das System funktioniert — es wird nur nicht genutzt.

Und genau hier wird es interessant. Denn wenn ein System technisch einwandfrei läuft, aber trotzdem nicht angenommen wird, dann hat das Projekt an einer ganz anderen Stelle versagt: bei den Menschen, die damit arbeiten sollen.

Digitalisierung wird im Mittelstand häufig als IT-Projekt behandelt. Software auswählen, konfigurieren, ausrollen, Mitarbeiter schulen — fertig. Aber Digitalisierung ist kein IT-Projekt. Es ist ein Veränderungsprojekt. Und Veränderung funktioniert nur, wenn die Betroffenen sie mittragen.

Das typische Szenario: CRM eingeführt, keiner nutzt es

Ein Maschinenbauunternehmen mit 150 Mitarbeitenden führt ein neues CRM-System ein. Die Geschäftsführung hat sich intensiv mit Anbietern beschäftigt, die IT-Abteilung hat sauber implementiert, die Daten sind migriert. Technisch läuft alles.

Aber der Vertriebsaußendienst arbeitet nach drei Monaten immer noch mit seinen persönlichen Excel-Tabellen. Der Innendienst pflegt Daten doppelt — ins CRM, weil es sein muss, und in die eigene Liste, weil er dem System nicht traut. Die Teamleitung hat keinen besseren Überblick als vorher, weil die Datenqualität im CRM schlecht ist.

Was hier passiert, hat einen Namen: Schatten-IT. Mitarbeitende entwickeln eigene Workarounds, weil das offizielle System ihren Arbeitsalltag nicht abbildet. Wichtige Daten wandern zurück in Excel-Listen oder werden per E-Mail ausgetauscht, statt im System zu landen. Die Software wird zum Pflichtprogramm — ohne echten Mehrwert für die, die sie täglich nutzen müssen.

Was ist schiefgelaufen? Niemand hat die Leute, die täglich damit arbeiten, vorher eingebunden. Niemand hat gefragt: Wie sieht euer Arbeitstag aus? Wo hakt es? Was braucht ihr wirklich?

Warum Schulung allein das Problem nicht löst

Wenn Digitalisierung scheitert, ist der Reflex fast immer derselbe: mehr Schulung. Noch ein Training, noch eine Anleitung, noch ein Erklärvideo.

Aber Schulung kann ein Grundproblem nicht heilen. Wenn das System an den Bedürfnissen der Nutzer vorbeigeht, hilft es nicht, ihnen besser zu erklären, wie es funktioniert. Dann nutzen sie es trotzdem nicht — oder nur widerwillig, fehlerhaft und mit minimalem Engagement.

Die ehrlichere Frage lautet: Haben wir das Richtige gebaut? Nicht: Haben wir es richtig erklärt?

Schulung setzt voraus, dass die Software bereits passt und nur verstanden werden muss. In der Realität stimmt diese Annahme erschreckend selten. Oft wurde am Konferenztisch entschieden, was die Mitarbeitenden brauchen — ohne sie zu fragen. Das Ergebnis: Ein System, das auf dem Papier logisch ist, aber an der Praxis vorbeigeht.

Was nutzerzentrierte Digitalisierung anders macht

Genau hier setzt User Experience (UX) an — nicht als Design-Disziplin für hübsche Oberflächen, sondern als systematischer Ansatz, die Perspektive der Nutzer in jede Phase eines Digitalisierungsprojekts einzubringen.

UX bedeutet in diesem Kontext: Verstehen, wie Menschen tatsächlich arbeiten. Welche Gewohnheiten sie haben. Wo ihre Frustration liegt. Was sie wirklich brauchen, um ihren Job gut zu machen. Und dieses Wissen nutzen, um bessere Entscheidungen zu treffen — bei der Softwareauswahl, der Konfiguration und der Einführung.

Das ist kein einmaliger Workshop. Es ist ein Prozess, der das gesamte Projekt begleitet.

Vor dem Projektstart: Verstehen, was wirklich gebraucht wird

Bevor eine Software ausgewählt oder konfiguriert wird, lohnt sich ein Blick auf die Ist-Situation. Wie arbeiten die betroffenen Teams heute? Wo gibt es Reibungspunkte? Welche Abläufe funktionieren gut und sollten nicht zerstört werden? Was erwarten die Mitarbeitenden tatsächlich von einem neuen System?

Diese Fragen klingen banal. Aber sie werden erstaunlich selten gestellt — und noch seltener systematisch beantwortet.

Während der Umsetzung: Testen, bevor es zu spät ist

Prototypen und Entwürfe mit echten Nutzern zu testen, bevor entwickelt oder konfiguriert wird, ist einer der wirkungsvollsten Hebel in jedem Digitalisierungsprojekt. Nicht mit der Geschäftsführung im Konferenzraum — sondern mit den Menschen, die das Tool am Montagmorgen öffnen müssen.

So lassen sich Fehlentscheidungen frühzeitig erkennen und korrigieren. Was in dieser Phase ein paar Tage kostet, spart später Wochen an Nacharbeit und Frustration.

Nach dem Go-Live: Beobachten, was wirklich passiert

Der Go-Live ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wo weichen Nutzer vom vorgesehenen Weg ab? Wo entstehen neue Workarounds? Welche Funktionen werden ignoriert?

Das sind keine Fehler der Nutzer — das sind Signale, dass etwas nicht passt. Wer diese Signale ernst nimmt und systematisch auswertet, kann das System iterativ verbessern und die Akzeptanz nachhaltig steigern.

Der eigentliche Kostenfaktor: Gescheiterte Akzeptanz

Gescheiterte Akzeptanz ist teuer — und zwar auf mehreren Ebenen.

Die offensichtlichen Kosten: Die Software-Investition verpufft. Lizenzgebühren laufen, aber der erwartete Effizienzgewinn bleibt aus. Oft folgt nach ein bis zwei Jahren ein erneuter Anlauf mit einem anderen System — und das Spiel beginnt von vorn.

Die versteckten Kosten: Frustrierte Mitarbeitende sind weniger produktiv. Fachkräfte, die ohnehin schwer zu finden sind, verlieren das Vertrauen in die Digitalisierungsfähigkeit ihres Arbeitgebers. Im schlimmsten Fall wechseln sie.

Die langfristigen Kosten: Das Vertrauen in zukünftige Veränderungsprojekte sinkt. „Beim letzten Mal hat das auch nicht funktioniert“ — diesen Satz möchtest du bei der nächsten Digitalisierungsrunde nicht hören. Dieser innere Widerstand ist oft das größte Hindernis für den digitalen Wandel.

Fazit: Technik ist selten das Problem

Die besten Tools bringen nichts, wenn sie an den Menschen vorbei eingeführt werden. Wer Digitalisierung im Mittelstand wirklich voranbringen will, muss die Perspektive der Nutzer von Anfang an mitdenken — nicht als Zusatz, sondern als Grundlage. Digitalisierung scheitert nicht an fehlenden Budgets oder falscher Software. Sie scheitert daran, dass die Menschen, die täglich damit arbeiten sollen, nicht einbezogen wurden.

Das bedeutet nicht, dass jedes Projekt perfekt sein muss. Es bedeutet, dass man die richtigen Fragen stellt, bevor man die Antwort in Software gießt. Dass man testet, bevor man ausrollt. Und dass man zuhört, nachdem man eingeführt hat.

Das ist kein Nice-to-have. Das entscheidet darüber, ob sich die Investition am Ende auszahlt — oder ob sie als weiteres gescheitertes IT-Projekt in die Unternehmensgeschichte eingeht.

Der Autor

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Christian Fernandez
Innovativer UX/CX-Stratege und erfahrener UX-Teamleiter mit umfassender Expertise im Aufbau und der Optimierung von nutzerzentrierten Prozessen, digitalen Erlebnissen und Organisationsstrukturen.

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